Hello again,

 
während hier die Putzfrau um mich herum wirbelt und ich gestern knapp 12 Stunden (!) gebraucht habe, um die Bilder bei extrem langsamer Internetverbindung hochzuladen, hab ich nun kurz Gelegenheit, ein paar Zeilen zu schreiben.
 
Am Samstag hatten wir mit einigen Leuten eine Tour zur Großen Mauer gebucht.
Es gibt hier einen Wanderverein, der diese Touren im Internet anbietet (www.beijinghikers.com).
Man wird also von einem Bus aufgelesen, nur wenige Meter von unseren Wohnungen entfernt.
Bewaffnet mit Rucksack mit Wechselklamotten, Kamera und Proviant, ging es morgens gegen halb neun los.
Erster Stopp war ein Hotel, 10 Fahrminuten vom Startpunkt entfernt, wo noch einige Wanderer zustiegen.
Dort hatten wir auch Gelegenheit, bei Starbucks noch nen Kaffee zu fassen und ggfs noch Snacks zu kaufen, wer noch nicht hatte.
Die Reiseleitung bestand aus einer Amerikanerin mit der schmutzigsten Lache im Umkreis von 1000 Meilen, einem recht jungen Neuseeländer und einer Chinesin, allesamt englischsprachig.
Gleich zu Anfang wurden wir freundlichst begrüßt und es wurde sich für die rege Teilnahme seitens der deutschen Mitwanderer bedankt, ohne die die Firma vermutlich schon längst pleite gewesen sei.
Los ging es in einem kleineren Reisebus zwei Stunden nordöstlich von Peking.
Unterwegs wurden die Formalitäten wie Bezahlung und Vorstellung der Route erledigt.
Zuerst kleinerer Fußmarsch (knapp ne Stunde) zum ersten Stopp, wo man den zuvor eingenommenen Kaffee wieder loswerden konnte.
Dort entstand auch das Bild der Klobrille, die mit einem Kunstpelz überzogen war...gegen die Kälte.
Befremdlich und sicher auch nicht die hygienischste Art und Weise, aber ein Foto wert ;-)
Dann der erste Anstieg...die Mauer, sollte man wissen, war ja als Verteidigungslinie gegen einfallende mongolische Truppen gedacht.
Also liegt sie strategisch günstig AUF einem Bergkamm und nicht im Tal.
So gut wie alle waren mächtig am schnaufen und ausser Puste, als es hinauf ging.
Der eine oder andere, mich eingeschlossen, hielt mehrmals inne, um "zu fotografieren"...
 
Schliesslich in Sichtweite der Mauer angekommen, ging es über Stock und Stein ein ganzes Stück parallel der Mauer. Auf der Mauer und dem Areal auf der anderen Seite liegt ein Militärgebiet, das nicht betreten werden darf.
Es soll Leute gegeben haben, die versehentlich dort hin geraten sind und festgenommen wurden.
Also hielten wir uns an die Regeln, die Guides wussten ja bescheid.
 
Dann, nach einer weiteren Stunde Fußmarsch, erreichten wir endlich das ersehnte Ziel.
Wir wussten vorher, dass wir lediglich auf einem Stück unrenovierter Mauer wandern würden. 
Die ist teils noch recht gut erhalten, teils aber nicht passierbar.
Man findet den einen oder anderen Pfad, der nachträglich auch mit Treppenstufen versehen war, abseits der Mauer.
Dort wäre es zu gefährlich, entlang zu gehen, da loses Geröll den Anstieg oder Abstieg behindert.
 
Die Aussicht war grandios! Schier endlos schlängelt sich das Bollwerk, im 14. Jahrhundert errichtet, über Berge und durch Täler.
Wer eine schnurgerade Ziegelmauer, gebaut nach DIN erwartet, hat weit gefehlt.
Am Fuß teils 12m breit, ist sie auf der Krone - oftmals dem Verfall geschuldet - gerade einmal noch 1,5m breit.
Unendlich viele Stufen oder auch einfach nur Trampelpfade geht es bergauf und bergab.
Alle paar hundert Meter befindet sich ein Wachturm.
Nach Fertigstellung des Schutzwalls haben die Wachsoldaten darin ja teils gelebt.
Da war kein Bus oder dergleichen, der zum Wachwechsel die Ablösung brachte.
 
Ich habe mich unterwegs gefragt, wie viel Angst man vor den Mongolen gehabt haben muss, um ein mehrere tausend Kilometer langes Bollwerk zu bauen. Und das in dieser schroffen und kargen Gegend.
Nie und nimmer wären sie zu Pferde dort Richtung Peking in die Schlacht gezogen.
Ähnlich dem Bau der Pyramiden in Ägypten musste ja auch Mann und Maus und Material an Ort und Stelle geschafft werden.
 
Wo man auch hinblickte, hinter uns und auch vor uns...bis zum Horizont war die Mauer zu sehen.
Auf den Bildern kommt es leider kaum richtig rüber. Aber "mal eben" ein paar Kilometer spazierengehen war nicht drin.
Steile Treppen oder Trampelpfade die ganze Zeit. Selten mal ein kurzes Stück ebener Weg.
Aber das Erlebnis und die Aussicht entschädigen für die Strapazen.
Nach dem Abstieg auf einer schier unendlichen Treppe bis ins Tal kamen wir in ein "Retortendorf".
Niemand konnte glauben, dass es sich dabei um ein altes chinesisches Dorf gehandelt hat.
Alles viel zu gerade, viel zu neu und es war komischerweise niemand dort.
Alles nur Show für die Touristen, die sich in der wärmeren Jahreszeit hier tummeln.
Wir waren die meiste Zeit für uns. Allein weit und breit.
 
Wieder am Bus angekommen, fuhren wir ein paar Minuten in den Nachbarort, wo ein Abschlussessen auf uns wartete.
Chinesisch, versteht sich.
Da sich hier aber alles auf die Mauertouristen eingestellt hatte, gab es aber nichts, was wirklilch scharf war.
Dafür aber reichlich von allem.
In einer Karaffe auf dem Tisch dann ein dunkles Heißgetränk. Genau richtig bei kaltem Wetter, dachte ich. Ich vermutete Tee, aber wie ich dann erfuhr, war es Cola. Heiße Cola mit Ingwer.
Etwas angewidert nahm ich einen Schluck. Eingeschenkt war ja bereits.
Aber - oh Wunder - man konnte es wirklich trinken. Sogar gut.
Ich vermute, dass es eine chinesische Cola war und nicht die gute Coke, die hier aufgekocht wurde.
Von Kohlensäure jedenfalls keine Spur.
Nach dem Essen noch eine Zigarette und ab in den Bus.
Die Rückfahrt haben alle ein Nickerchen gemacht.
Abends gegen halb acht waren wir wieder zurück.
Duschen, erzählen und das war´s für den Tag.
 
Sonntag tat zumindest mir alles weh. Die Waden hart wie Stein, die Oberschenkel und der Allerwerteste auch von Muskelkater geplagt.
Heute ist es noch nicht viel besser, aber ich darf jetzt los, muss mich also etwas bewegen.
 
Tobi

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